Paul Kalkbrenners zweites Album heißt »Zeit«. Kein schlechter Titel für eine gute Platte. Immer wieder spielt die Zeit eine Rolle und sie läuft uns genauso oft davon. So ist der Zeitgeist, innehalten tut er nie. So wird alles zu einem Spiel auf Zeit, auch und vor allem Musik. In der Musik gilt: lass dir möglichst viel Zeit. Zeit ist nicht Geld. Das zu verstehen braucht seine Zeit. Einer guten Platte gelingt es, die Zeichen der Zeit zu erkennen, Zeit und Raum zeitweilig außer Kraft zu setzen, Zeitzeugen zu zitieren - und das alles genau zu seiner Zeit. Trotzdem dürfen auch Zweifel hörbar werden. Vielleicht ist man ja schon über die Zeit? Oder seiner Zeit voraus? Ein gnadenloses Rennen gegen die Zeit wird da gefahren, an jedem Morgen, an jedem Anfang eines neuen Tages oder Tracks. Welche Musik ist Musik zur Zeit? Musik mit einem gutem Zeitgefühl? Hat Zeit denn überhaupt etwa mit Gefühl zu tun? Mit Sicherheit. Weil, davon spricht die Musik ja andauernd. Paul Kalkbrenner erzählt von guten und von schlechten Zeiten, von Nachspielzeiten und Halbwertzeiten. Von Jahreszeiten. Auch davon, dass Zeit alle Wunden heilt. Von Erinnerungen an gute und schlechte Gefühle, an Anwesenheit und Abwesenheit. Musikalisch heißt das auch, sich in Zwischenzeiten zu bewegen, etwas aus einer anderen Zeit zu importieren. So entsteht Zeitmaschinenmusik, Modernität aus enstaubter Erinnerung. Zeitlos zu sein, das gelingt sehr selten. Diese Musik kann das trotzdem einfach so behaupten. Für die Liebe bleibt später noch Zeit. Auch davon handelt diese Platte, von der Zeit zu zweit. Und von Einsamkeit. Deshalb wird hier manchmal aus elektronischer Tanzmusik eine ganz andere Sache: Deeper Pop mit einem glitzernden Unterton. Zärtlichkeit braucht Zeit. Tobias Thomas \u002F Köln im August 2001