Es gibt da diese Szene in Wim Wenders filmischer Feier der Ereignislosigkeit, im über dreistündigen Film “Im Lauf der Zeit” aus dem Jahre 1976: Ein Mann in einer seelischen Ausnahmesituation (gespielt von Marquard Bohm) sitzt im umgebauten Laderaum eines LKWs und schaut nach oben durch ein kleines Dachfenster und sieht vom Vollmond diffus beleuchtete, schwebende Nachtwolken. Die Kamera folgt seinem Blick, eine lange Einstellung lässt uns in dieses nächtliche Wolkenbild eintauchen, dazu gibt es die kongeniale Musik der deutschen Band Improved Sound Limited. Und genau hier scheint das neue Album der Band „O“ (Kreis) aus dem Drei-Länder-Eck Belgien\u002FNiederlande\u002FDeutschland anzu-setzen. Es gibt außerdem die Parallele, dass „Im Lauf der Zeit“ fast ausschließlich an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze spielt. Ebenso leben die Musiker der Band „O“ alle an Grenzen, sind also aufgewachsen mit der verwirrenden Erfahrung des gleichzeitig Trennen-den und Verbindenden. Gerade der Albumopener, als einziger Track übrigens deutschsprachig, nimmt Atmosphäre, Stimmung und Tonlage der Filmmusik aus den 70er Jahren auf und schreibt sie auf faszinierende Weise fort. Überhaupt lassen sich eine Reihe spannender Anknüpfungspunkte erkennen. So erinnern manche Passagen dieses Konzeptalbums an herausragende Alben von Tangerine Dream, Neu! oder Cluster, aber auch die Kompositionen von Ennio Morricone schimmern durch die sechs in sich geschlossenen Tracks der Platte mit dem programma-tischen Titel „When Plants Turn Into Stones“. Die Musik widmet sich in sechs Kapiteln dem Kreislauf des Lebens, dem immerwährenden Werden und Vergehen, vielleicht auch dem geheimen Wunsch des Menschen, mit der Natur und dem Universum im Einklang zu leben, zumindest legt das die gelungene Covergestaltung nahe. Die Band bewegt sich damit unter anderem in der Tradition von Stevie Wonder (!) und dessen idiosynkratischem Doppelalbum „Journey Through The Secret Life Of Plants“ oder Jan Hammers Instrumentalepos „The First Seven Days“ – beides völlig zu Unrecht vernachlässigte Platten aus den 70er Jahren. „O“ (Kreis) beschenkt uns mit „When Plants Turn Into Stones“ mit überaus sorgsamen, überlegten und pointiert gesetzten, teilweise impressionistischen Sounds; dabei kommt jedes Instrument (Gitarre, Schlagzeug, Bass, „Stimmen“ etc.) durch das perfekte Mastering von Harris Newman glasklar und organisch zur Geltung. Dass Newman bisher schon Bands wie Arcade Fire, Silver Mt. Zion oder Godspeed You! Black Emperor gemastert hat, sei nur am Rand erwähnt. Aufnahme und Abmischung hat die Band übrigens selbst übernommen. „When Plants Turn Into Stone“ ist ein akustisches Erlebnis, das man vielleicht am besten mit Kopfhörern genießen sollte, um tief genug eintauchen zu können in diese wunderbaren und gelegentlich auch verstörende Soundlandschaften. Und wenn man die Augen schließt, die Zeit vergisst, dann sieht man möglicherweise auch vom Vollmond beleuchtete, schwebende Wolken vor seinem inneren Auge, wie der Protagonist in Wim Wenders Film „Im Lauf der Zeit“, ohne gleich in eine seelische Ausnahmesitation geraten zu müssen. Mit „When Plants Turn Into Stones“ begibt man sich auf eine musikalisch zeitlose Reise durch unbekannte Zonen, eine mehr als nur beglückende Erfahrung, die letztmalig in dieser Form die Postrock - Band Tortoise mit ihrem 1996er Album „Millions Now Living Will Never Die“ bieten konnte. Die Zeit jedenfalls, die man sich für das Album von „O“ nehmen sollte, bekommt man doppelt und dreifach zurück